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Biographie Wolfgang Kunz

Sammlung Wolfgang Kunz

"Bücher und Bühne, Lesen und Erzählen
waren seine Welt"


Biographie Wolfgang Kunz

Der am 21. Februar 1945 in Memmingen geborene Büchersammler, Dramaturg, Literat und Literaturbeauftragte - "mit ganzem Stolz Allgäuer" - wuchs in einem katholisch geprägten Elternhaus auf. Seine musische Veranlagung schreibt Wolfgang Kunz vor allem seiner Mutter zu, sein Vater war ein recht talentierter Chorsänger und Zitherspieler. Die Liebe zur Literatur weckt in ihm allerdings das Kindermädchen Hildegard mit ihren freien Märchenerzählungen. Wenig überraschend, dass sein Lieblingsbuch sein erstes Buch wurde, das ihm mit fünf Jahren geschenkt wurde: die illustrierten Märchen von Hans Christian Andersen.

Nach dem Besuch der gemischten Volksschule und des Memminger Bernhard-Striegel-Gymnasiums leistete Wolfgang Kunz seine Bundeswehrzeit in Kempten und München ab. Schon während seiner Schulzeit entwickelte sich eine tiefe persönliche - auch private - Liebe zu Frankreich, dessen Menschen und Kultur, deren Ausgangspunkt ein Austauschprogramm im Rahmen der deutsch-französischen Verständigung gewesen ist. Nachhaltig prägte ihn in der Oberstufe der Klassenlehrer für Deutsch und Geschichte, Martin Eberle. Neben der Liebe zur Literatur legte der Kriegsversehrte in ihm ein kritisches politisches Bewusstsein, besonders auch in der Hinterfragung der NS-Zeit an.

Das Studium der Theaterwissenschaften, Germanistik und Kunstgeschichte begann Kunz im Mai 1968 an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität mit dem Wissen, dass von den 500 Hauptfachstudenten vielleicht sieben an ein Theater kommen könnten. Geprägt waren die folgenden Jahre vor allem von den Unruhen der Studentenbewegung, sodass er "an ein geregeltes Studienziel zu dieser Situation nicht denken konnte" und er "in diesen Strudel geraten" ist. Den wichtigsten Akzent setzt neben den kunstgeschichtlichen Vorlesungen vor allem der amerikanische Gastdozent Peter Bauland aus Michigan, aus dessen Seminar "Stücke schreiben" das "Stück in 20 Bildern" entstand. In der Manier von Kroetz und Fassbinder in einer bayerischen Kunstsprache verfasst, errangen seine Aufführungen einen Achtungserfolg: "Ich bin jetzt Dramatiker."

Eigentlich sollte den Abschluss des Studiums eine Dissertation über René Schickele und die Exilliteratur bilden. Wolfgang Kunz gelang es jedoch durch Vermittlung eines Theateragenten, im Jahr 1973 ein Engagement am Stadttheater in Bern zu erlangen. Bern wird zu seiner "Liebe auf den ersten Blick", und es eröffnete ihm den Weg in die fast zwanzigjährige berufliche Tätigkeit als Dramaturg. "Bern war das Glück für mich, diese sechs Jahre."

In Bern stieg Wolfgang Kunz, geprägt von der engen Zusammenarbeit und Freundschaft mit dem Intendanten Dr. Walter Oberer und dem Bühnenbildner Ari Öchslin, vom Regieassistenten zum Chefdramaturgen auf. Er taucht mit "vollem Einsatz" in seine Arbeit ein und beginnt, "in dieser Tätigkeit zu wachsen." Mit dem Kunstförderpreis der Stadt Bern für Lyrik im Jahr 1975 für seinen Gedichtband "Einschreiben" erringt er erste Anerkennung als Autor. Intensiv durchlebt er die facettenreiche Berner Kunstszene.

Nach dem Ende der Intendanz Oberers in Bern führte der Weg Kunz in seine neue Wahlheimat Augsburg, wo er von 1979 bis 1989 einer der fünf Dramaturgen der Städtischen Bühnen wurde. Zuständig für den Schauspielbereich, prägte er mit der jeweiligen Auswahl und Umsetzung der Stücke in diesem Zeitraum den Spielplan der Bühne entscheidend. Kompromisslos war sein Engagement für eine "Rehabilitierung" des großen Augsburger Sohnes Bertolt Brecht. Symbolisch kann dafür der Zug mit Mutter Courages Theaterkarren zur Eröffnung des Brechthauses im Jahr 1985 stehen. Ausdruck des eigenen künstlerischen Schaffens in dieser Phase war das Libretto zu einem Ballett und Singspiel über König Ludwig II. im Jahr 1986. Den Wechsel des Intendanten Rudolf Stromberg 1981 nach Trier vollzog Kunz nicht mit.

Mit dem Ende seiner Verpflichtung als Dramaturg der Augsburger Städtischen Bühnen eröffnete sich im Rahmen einer ABM-Maßnahme in den Jahren 1990 bis 1992 das Tätigkeitsfeld als erster Literaturbeauftragter der Stadt Augsburg. Bezeichnend für Kunz waren die von ihm zu Beginn seiner Aufgabe entwickelten Visionen: ein zentral gelegenes Literaturhaus mit einer Druckerwerkstatt, um bibliophile Ausgaben aus einer Zusammenarbeit mit Autoren heraus zu produzieren, mit einem Café, einem Begegnungsraum für literarische Vereinigungen und einem Raum für Lesungen; Etablierung einer umfassenden und zentralen Brecht-Sammlung; Autorenförderung auf der Grundlage eines schwabenweiten Literaturwettbewerbes; Zusammenführung privater und öffentlicher Literatur- und Kunstbestrebungen. Er erkannte die Potentiale Augsburgs als Stadt der Drucker und unbeachteten Literaten.

Letztlich blieb es bei der Organisation und Durchführung von Literaturtagen in den Jahren 1991 bis 1993, bei denen es Wolfgang Kunz gelang, eine Vielzahl herausragender Schriftsteller nach Augsburg zu holen - Peter Härtling, Siefried Lenz, Hermann Lenz, Wolf Wondratschek, Rainer Malakowski, Walter Helmut Fritz, Gabriele Wohmann, Jürgen Becker -, gleichzeitig aber die Förderung junger Nachwuchstalente nicht zu vergessen. Mit dem Verweis auf fehlende Gelder wurde ein denkbarer Weg Augsburgs zur Literaturstadt seitens der Stadtverordneten beendet.

Ergebnis von Kunz´ Beschäftigung mit dem "literarischen" Augsburg wurde seine 1993 erschienene Anthologie "Morgen Augsburg", in der Textauszüge von über 80 Autoren zu einem literarischen Porträt der Stadt zusammenstellt sind. Das 500-Seiten-Werk ist im Ehrenwirth-Verlag erschienen. Die Stadt hielt ihn literarisch und künstlerisch auch insofern fest, als er in den Folgejahren bei Kulturveranstaltungen präsent blieb oder sie durch Lesungen bereicherte. Ein letztes aufwändiges künstlerisches Unternehmen wurde die szenische Aufführung der Augsburger Reichstage im Jahr 1997, zu denen er das Manuskript ausarbeitete. Sein Ziel war, möglichst authentisch die Geschehnisse rund um den Kaiserbesuch Maximilians I. im Jahr 1518 zur Darstellung zu bringen; ein größerer Erfolg blieb allerdings aus.

Wolfgang Kunz´ eigenes literarisches Schaffen ist von seinem Umfang her begrenzt geblieben. 1995 erschienen im Eulen-Verlag noch seine "Seelandschaften", Haiku, die mit Aquarellen von Toni Diwischek illustriert worden sind. Unvollendet und unveröffentlicht blieben das Mäuse-Märchen "Nagezahn" und ein Libretto für das Musical "Das Gespenst von Canterville" nach Motiven von Oscar Wilde.

Jenseits eines beginnenden Rückzugs aus der Öffentlichkeit stellten für Wolfgang Kunz bleibende Fluchtpunkte sein Freundeskreis, die Antiquariate und die Vereinigung der "Niederländer" dar. Aus deren jährlichen "Weltumbsegelungen" heraus ist seine Nähe und Liebe zur Stadt Pappenheim erklärbar, die er zu seiner letzten Ruhestätte nach seinem Tod am 17. April 2006 bestimmte. Sein Grab ist symbolisch mit einem aufgeschlagenen Buch und einer Eule gestaltet.

Wolfgang Kunz war ein Bücher- und Literaturbesessener, eine Sucht, die allenfalls eine Konkurrenz in der Liebe zum Tabak fand. Von Freunden wird er als Person mit einem unerschöpflichen Gedächtnis beschrieben, auf das er beliebig für seine anschaulichen, geistreichen und fesselnden Erzählungen aus der Welt der Literatur zurückgreifen und seine Zuhörer in den Bann schlagen konnte. In seinem Wesen vereinte er einen klaren Blick und kritische Rationalität mit aufrichtiger katholischer Frömmigkeit und einer bairisch-barocken Geisteshaltung, der der Lebensgenuss so nahe steht.


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© Stephan Reuthner, 2013



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